23. Mai 2003

Der Eigenwillige macht Mitbestimmung in Detroit salonfähig

Von Michaela Böhm

Klaus Franz ist der Spritzkabine bei Opel entwachsen / Was er dabei gelernt hat, kommt heute seinen Kollegen und Kolleginnen zugute

RÜSSELSHEIM. "Die ersten Wochen waren für mich ein unwahrscheinlicher Kampf. Weil das Band den Arbeitstakt bestimmt und nicht man selber. Man rast dem Band hinterher, und am Ende der Schicht bist du auch nervlich am Ende."

28 Jahre ist es her, dass Klaus Franz als Autolackierer bei Opel anfing. Er steckt unter einer Plastikhaube, eingehüllt in einen Nebel von Farben, angenabelt an einen dünnen Schlauch, durch den Frischluft geblasen wird. Alle 46 Sekunden schiebt das Band einen neuen Wagen in die Spritzkabine.

Nach zwei Jahren hat er sich ans Band gewöhnt. "Aber dass die Arbeit Spaß macht, das kann man nicht sagen. Das auf keinen Fall." Klaus Franz war damals Hauptperson in einem Feature des Hessischen Rundfunks. Unter dem Protest des Werksleiters. Mit jedem anderen Arbeiter könnte die Reporterin sprechen. Aber nicht mit dem. Der hätte in seinem Kopf streng gewerkschaftliches Gedankengut, sogar linke Gedanken.

Heute ist Klaus Franz Betriebsratschef aller Opelaner. "Klaus, da hinten zieht's gewaltig. Die Leute werden krank." Klaus Franz bremst seinen eiligen Schritt, mit dem er eben noch diese blanke Gerade entlang des Fließbandes durchmessen hat. Leise schnurrt hier eine Autotür nach der anderen unters Dach der Halle. Er wendet sich seinen Kollegen zu, hört zu, nickt, der vorm Bauch verschränkte Arm stützt den Ellenbogen, Daumen am Kinn, der Zeigefinger klemmt unterm Schnurrbart. Die Denkerpose währt kurz. Dann reden die Hände, Problem kapiert, analysiert, im Kopf gelöst.

Eigentlich hätte es die neue  Opel-Fabrik gar nicht geben sollen. General Motors (GM), der US-amerikanische Mutterkonzern in Detroit, wollte die Produktion in Rüsselsheim dichtmachen. Zu teuer, zu unrentabel. Aber weil es im Rhein-Main-Gebiet nicht nur Dienstleistungsjobs geben kann, rang Klaus Franz um Arbeitsplätze - mit einem Gegner, der "früher mal kurz unter der Dusche entschieden hat, ob irgendwo in Südhessen ein Betrieb geschlossen wird", sagt Thomas Klebe von der IG Metall.

Nach fünf Jahren hatte sich "das kleine gallische Dorf gegen das römische Reich durchgesetzt", was Klaus Franz nicht so ironisch meint, wie es klingt: In Rüsselsheim wurde ein neues Werk eröffnet, das Opel fortan das modernste der Welt nennt. Um dem Konzern dafür 1,5 Milliarden Mark "aus den Rippen zu leiern", wurden 4500 Opelaner in den Ruhestand geschubst. Zwei, drei, vier Handgriffe, schon rollt das nächste Auto heran. Wieder mal hat Klaus Franz bewiesen, was er sich beweisen will: Dass  Opel langsam aus den roten Zahlen kriechen kann, ohne einen Betrieb zu schließen.

Aber wehe, einer schätzt seine Erfolge nicht. Dann knurrt der charmante Schwabe, verschränkt die Arme wie ein trotziges Kind vor der Brust und stampft die Worte zwischen zusammengepressten Lippen hervor. Das neue Opelwerk ist sein Kind. Punktum. Kritik nicht erwünscht. Er schimpft über das Schwarz-Weiß-Denken, das einem Gewerkschafter abverlangt, "immer über die Mühsal des Lebens zu klagen".

Zurück in die Spritzkabine von 1980: Klaus Franz ist selten krank, macht seine Arbeit ordentlich. Ob er nicht Meister werden wolle? Verlockend. Weg vom Band, mehr verdienen. Aber er bleibt am Band, hochloben lässt er sich nicht. Verweigert sich einer Hierarchie, in dem ein Meister die Kollegen zu Sonderschichten überreden muss. "Lieber engagiere ich mich gewerkschaftlich, das ist für mich die größere Befriedigung." Die Kollegen tippen sich an die Stirn, schön blöd. Aber dann merken sie: So profitierten sie stärker. Weil er sich in Betriebsversammlungen traut, vor Tausenden von Menschen seine Meinung zu sagen und sich nicht einschüchtern lässt von Vorgesetzten.

Er möchte für alle Schubladen zu groß sein. Natürlich verhandelt Klaus Franz als Konzernbetriebsratsvorsitzender und Aufsichtsrat mit der Opel-Führungsriege, aber ist er deswegen die rechte Hand des Managers? "Der Klaus hat nie vergessen, woher er kommt und wer ihn gewählt hat", sagt Klaus Volkert, Betriebsratsvorsitzender bei VW. Aber trotzdem möchte er nicht auftreten wie einer dieser Betriebsräte, die am Rednerpult mit dröhnender Stimme den Kapitalismus zum Einstürzen bringen.

Ist er ein Polit-Opportunist? Sympathisiert mit den Grünen, wettert gegen den Flughafenausbau, heizt aber mit dem neuesten Opel unterm Hintern über die Straßen. Mit der IG Metall ist er nach oben gekommen, aber Erfolge, so wird ihm vorgeworfen, heimst er gern für sich allein ein: Starallüren. Es gibt heftige Konflikte mit seiner Gewerkschaft. Beispiel: die Krankenrückkehrgespräche. Wer bei Opel krank ist, mit dem führt die Personalleitung ein Gespräch. Klaus Franz findet das richtig. "Wir wollen herauskriegen, was die Leute krank macht. Nur dann können wir Arbeitsbedingungen ändern." Mag die IG Metall behaupten, er würde als Handlanger des Vorstandes mithelfen, Druck auf die Beschäftigten auszuüben. Geschenkt. "Was einen kränkt, macht krank."

Individualist möchte er sein. Er sei kein Querulant, sondern Querdenker, sagte einmal ein IG-Metall-Vorstandsmitglied über ihn. Das passt ins eigene Bild: kritisch, eigenständig und immer unabhängig. Auch als ehrenamtliches Mitglied des Magistrats(1989 bis 1993)von Rüsselsheim ist er parteilos geblieben. Doch weil der 51-Jährige nicht ganz sicher war, ob die IG Metall seine Distanz "zum großen Einheitsbrei der Gewerkschaft" erträgt, ob sie es aushält, dass er sich dem SPD-Mitgliedsbuch verweigert, was so viele Funktionäre in der Tasche haben, machte er vor neun Jahren an der Fachhochschule Frankfurt den externen Abschluss als Sozialarbeiter. Sicherheitshalber.

Allemal ist Klaus Franz mutig. Er hat vor einem Jahr den ersten europaweiten Streik organisiert. 60 Minuten steht das Fließband still. Die Arbeiter streiken in Rüsselsheim, in Kaiserslautern und in Bochum, in Spanien, Portugal, England und Belgien. Das hat es so noch nie gegeben. 40 000 GM-Beschäftigte in Europa legen die Arbeit nieder, weil General Motors das Werk im englischen Luton schließen will. Es hätte seine größte Niederlage werden können, schreibt die Financial Times , doch es wird der große Erfolg für den europäischen Betriebsrat von General Motors und die europäischen Gewerkschaften. Die Schließung wird verhindert. Ein Meilenstein, sagt Thomas Klebe von der IG Metall, gegen eine Konzernpolitik, die Standort gegen Standort ausspielt, Nation gegen Nation.

Klaus Franz weiß, was er kann. Er ist sich sicher, dass er mit den Männern in der Fabrik ebenso den richtigen Ton trifft wie mit den Managern von General Motors. Und er weiß auch, was seine politischen Freunde an ihm schätzen: Er ist offen, ehrlich, geradlinig, doch die hervorstechendste Eigenschaft ist sein präzises, messerscharfes Denken. "Wie Lucky Luke", sagt Thomas Klebe, der mit Klaus Franz mehrere Jahre im Aufsichtsrat gesessen hat. "Er ist schneller als sein Schatten."

Schnell im Denken, schnell im Handeln. Schnell im Aufbrausen. "Manchmal würde ich mir wünschen, dass er erst mal zum Telefon greift und fragt: ,Forster, um was geht's hier eigentlich ' ", sagt Carl-Peter Forster.

Der Opel-Chef schätzt nicht nur den klugen Kopf und harten Verhandlungspartner, er rechnet Franz auch seine Verlässlichkeit hoch an. Als das Sanierungsprogramm Olympia gestartet wurde - 350 000 Fahrzeuge und 2500 Arbeitsplätze weniger, im Gegenzug Verzicht auf Werkschließungen und betriebsbedingte Kündigungen - "gab es nicht eine Sekunde, in der sich Klaus Franz nicht an die Vereinbarungen gehalten hat."

Für Forster ein "außergewöhnlicher Arbeitnehmervertreter", weil er zum einen sehr klar die Interessen der Beschäftigten vertrete, zum anderen aktiv im Unternehmenssinn mitdenke. Mit ein Grund, warum Carl-Peter Forster das deutsche Mitbestimmungsmodell in Detroit immer wieder verteidigt. Auch wenn er den eigenwilligen Betriebsratschef oft gern bremsen würde, sobald Klaus Franz laut über den nächsten europaweiten Protest nachdenkt - falls General Motors Fiat übernehmen sollte. Oder wenn er Opel über die Medien eine Lektion in Sachen Produktpalette verpasst.

Er hat sich eingemischt. In den Vor-Forster-Zeiten, als sich Opel auf die Mann-mit-Hut-Fahrer im Corsa und Astra beschränkt. Als Opel die Diesel-Technologie verschläft. Er hat für sich längst geklärt, dass ein Betriebsrat mehr ist als einer, der seine schützende Hand über die Kollegen hält und dafür sorgt, dass jeder in die richtige Lohngruppe rutscht und keine Rückenschmerzen beim Arbeiten bekommt. "Ich bekenne mich klar zum Co-Management." Sagt er und weiß doch, dass Gewerkschaft und Betriebsrat im Aufsichtsrat in der Minderheit sind.

Der Schwabe startet unspektakulär ins Berufsleben. Nach der Realschule macht Klaus Franz eine Lehre als Drogist und besucht die Fotofachschule. Bis zu den politisch-turbulenten 70ern. Jetzt will der 23-Jährige dabei sein. Revolutionärer Kampf heißt das lose Band der Spontis, die "die Arbeiterklasse vom Joch des Kapitals" befreien wollen. Dazu müssen sie nah ran an den Arbeiter.

Johnny Klinke, Joschka Fischer, Tom Koenigs, Matthias Beltz, sie alle malochten bei Opel. "Wir wollten dem Proletariat zum Glück verhelfen." Franz grinst und ballt kurz die Faust vor der Brust, zu kurz für den alten, klassenkämpferischen Impetus. Bis auf Tom Koenigs, der freiwillig ausscheidet, werden sie alle rausgeschmissen.

Nur Klaus Franz, der bleibt. Einer ist heute Außenminister, der andere Sonderbeauftragter der UN in Guatemala. Hat Franz seine Karriere verpasst "Überhaupt nicht. Ich fühl' mich hier so was von zu Hause."

Aber nicht mehr in der Spritzkabine. "Wenn man nicht höllisch aufpasst, dann frisst das Band den Kopf auf", sagt er noch 1980. Er passt auf. Nicht mittags nach der Schicht ins Bett fallen und den Tag verschlafen. Sich nicht verführen lassen von der Monotonie des Bandes und des Fernsehers. Also kriecht er stundenlang hinter Zeitungen und Bücher, streift durch die Stadt und fotografiert Menschen und Landschaften. Am Band stemmt er seine Gedanken gegen den gleichmäßigen Takt. Jeden Tag einen neuen Gedanken denken, nur um nicht ins Tunnelloch zu stieren, aus dem das nächste Auto rollt.

Was ihn jetzt antreibt? Der wortgewaltige Klaus Franz stochert nach Worten, wägt sie ab, kickt weg, was nicht gut klingt. Keiner seiner Sätze, die er sonst gern unterbringt, liegt parat. Sätze, die ihm so gut gefallen, dass er sie langsam zum Mitschreiben diktiert, die er am liebsten patentieren würde, wie zum Beispiel den: "Die wollen an das Gold in den Köpfen der Leute, wir vereinbaren die Schürfrechte und Schürfgebühren." Es wird eine lange Antwort, in der von Entscheidungsprozessen und Bewusstseinsveränderungen die Rede ist, von Achtung vor den Menschen, die keine Nummern sind. Klaus Franz hat nicht vergessen, was er als revolutionärer Kämpfer in der Spritzkabine gelernt hat: "Die Menschen wollen Zufriedenheit und Auskommen, das kleine persönliche Glück. Nicht die Weltrevolution."

Überraschend, wie all seine politischen Freunde plötzlich schweigen, wenn sie nach seinen Schwächen gefragt werden. Nicht aus Rücksicht. Es fallen ihnen keine ein. Klaus Franz bemüht sich zumindest. Denkt nach, bläst den Rauch des Zigarillo durch die Nase und kratzt sich am Kopf. "Dass ich nie richtig abschalten kann." Genießen ist nicht seine Stärke. Um die Arbeit auszublenden, muss er sich verausgaben: sonntags 50 Kilometer auf dem Tourenrad strampeln. Ganz schnell.

Klaus Franz ist PR-Manager in eigener Sache. Beharrlich drängelt er sich in die Presse. Zeitungsartikel über sich hat er in einem Ordner gesammelt. Darin ist auch das Foto abgeheftet, das er nicht leiden mag, und das soll doch - bitteschön - nicht abgedruckt werden. Wo er die Hand hebt, die Finger wie um einen Stein gekrallt, das Kinn vorstreckt, Mund und Augen aufgerissen. "Zu marktschreierisch." Seine Konterfeis speichert er auf seinem Laptop. Das erste, ein Passfoto, seriös, im schwarzen Rollkragen, das klickt er fix wieder weg. Noch so eins, das auch nicht. Aber das: Links ein Neuwagen, rechts ein Neuwagen, und an dem lehnt Klaus Franz: locker, lässig, lächelnd.