Frankfurter Rundschau, 7. Oktober 2008

"Chronik eines zermürbenden StreitsDiesen Text drucken"

Um Haut und Knochen

Von Michaela Böhm

Emir Imamovic, Foto: KrausMenschen, die einander noch nie begegnet sind, müssen ein Erkennungszeichen vereinbaren, um sich nicht zu verpassen. Bei Emir Imamovic, 39, ist das überflüssig. Er ist an einem handtellergroßen Hauttransplantat auf der rechten Wange zu erkennen. Alle anderen Narben, Hautverpflanzungen und Verbrennungen sind versteckt unter der langen Hose und einem langärmligen Hemd.

Emir Imamovic hat Glück gehabt. Alle sagen das. An guten Tagen sieht er das genauso. An schlechten sagt er: "Ich wäre besser gestorben." Dann holt er die Fotos der Aachener Universitätsklinik hervor, die ihn direkt nach dem Unfall, im Koma und beim Aufwachen zeigen. Er schaut die Unfallbilder wieder und wieder an. Danach fühlt er sich besser. Weil die plastischen Chirurgen ein Kunststück vollbracht haben. Weil er lebt.

Am 19. August 2006 fährt Jasmina Imamovic ihren Mann kurz vor sechs Uhr zu seinem Arbeitsplatz bei der Papierfabrik Schleipen und Erkens in Jülich-Koslar, die seit Herbst 2006 zum Mondi-Konzern gehört. Dort werden Silikonpapiere als Trennmaterial bei Etiketten, Klebebändern und für vieles mehr produziert. Maschinengehilfe Emir Imamovic macht sich an die Arbeit. Wie jeden Samstag soll die Beschichtungsmaschine von Silikonresten befreit und sollen die Walzen geschliffen werden - das, sagt Imamovic, sei sein Job gewesen an diesem Tag.

Etwa drei Stunden nach Arbeitsbeginn wird Imamovic zwischen zwei Walzen in die laufende Maschine eingezogen. Sie zerquetschen ihm Arme und Schultern. Brustbein, Schädelknochen und fast alle Knochen im Gesicht brechen, ebenso drei Wirbelkörper. Die rechte Gesichtshälfte hat Verbrennungen dritten Grades, an Armen und Schultern sind die Hautschichten bis zu den Muskeln abgezogen. Er ist in Lebensgefahr, liegt 40 Tage im künstlichen Koma und wird immer wieder operiert, "wie oft, weiß ich nicht mehr".

Zur Sache

Arbeitnehmer sind gegen Arbeits-, Wegeunfälle und Berufskrankheiten versichert. Finanziert wird die gesetzliche Unfallversicherung aus Beiträgen der Unternehmen. Berufsgenossenschaften haben als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung die Aufgabe, Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu verhüten und für die medizinische Behandlung, Rehabilitation und Eingliederung eines Verletzten oder Erkrankten zu sorgen.

Wer nicht wieder arbeiten kann, erhält unter bestimmten Voraussetzungen eine Unfallrente. Die Zahl der schweren Arbeitsunfälle mit Zahlung von Unfallrente sinkt im Bereich der gewerblichen Wirtschaft seit Jahren (2007: 17171).

Anders als beim Verkehrsunfall wird nach einem Arbeitsunfall jedoch kein Schmerzensgeld gezahlt, wenn lediglich Fahrlässigkeit vorliegt. Der Arbeitgeber haftet nur bei Vorsatz. Der kann vorliegen, wenn der Arbeitgeber nicht ausreichend für Arbeitssicherheit sorgt und billigend in Kauf nimmt, dass sich jemand verletzt. Es sind nur wenige Fälle bekannt, in denen einem Arbeitgeber Vorsatz nachgewiesen wurde.

Die Berufsgenossenschaft kann bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz den Arbeitgeber in Regress nehmen.

Es hätte ein Fall für den Aktenschrank werden können. Wäre die Unfallursache nicht so umstritten. Imamovic liegt noch im Koma, und Augenzeugen für den Unfall gibt es nicht, als die Papiermacher-Berufsgenossenschaft bereits die Unfallursachen benennt. Ihre Einschätzung deckt sich mit der der Firma. Danach hatte Imamovic an diesem Morgen den Auftrag, die Walzen mit Papiertüchern zu säubern - und nicht zu schleifen. Dafür muss die Maschine ausgeschaltet sein. So steht es in der Betriebsanweisung. "Imamovic sollte die Walzen reinigen und hat das auch getan", sagt Mondi-Geschäftsführer Carsten Lange auf Anfrage.

Wahrscheinlich habe er die Maschine selbst angestellt, damit das Reinigen der Walzen leichter von der Hand geht, vermuten Kollegen, die an diesem Samstag in derselben Halle gearbeitet haben, und geben das so bei der Polizei zu Protokoll. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Betriebsanweisung. Deshalb trage die Firma keine Schuld und werde auch keine Entschädigung zahlen, sagt Geschäftsführer Lange.

Imamovic ist ein baumlanger Kerl, jung, muskulös, mit einem kräftigen Herzen. "Die Ärzte sagen, das hat mir beim Überleben geholfen." Er drückt die Zigarette aus, springt auf und leert den fast leeren Aschenbecher aus. Seit dem Unfall ist er unruhig geworden, sagt seine Frau. Alles will er sofort erledigen, aus Angst, er komme nie mehr dazu. Imamovic kennt jede Art des Schmerzes, den stechenden im Kopf, den blitzartigen im Rücken, den dumpfen im Gesicht, wo Platten halten und formen, was einst die Knochen taten.

Wenn ihn der Mut verlässt, zweifelt Imamovic daran, ob alle getan haben, was sie hätten tun müssen. Tatsächlich gibt es Ungereimtheiten. Keiner hat am Unfalltag die Kriminalpolizei informiert. Die Firma Schleipen und Erkens ging davon aus, dass dies Aufgabe der Rettungsleitstelle ist. Ist es nicht, teilt diese der Polizei auf Anfrage mit. Das Amt für Arbeitsschutz, zuständig für die Überwachung von Gesetzen zur Arbeitssicherheit, ermittelt erst am 9. März 2007 an der Unfallstelle. Sieben Monate nach dem Unfall. Warum so spät? Dazu möchte der Pressesprecher der Bezirksregierung Köln, die das Amt für Arbeitsschutz inzwischen integriert hat, mit Verweis auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nichts sagen.

Die Papiermacher-Berufsgenossenschaft ist als erste Behörde an der Unfallstelle, allerdings auch erst zwei Tage nach dem Unfall. Obwohl eine interne Regelung dem technischen Aufsichtsdienst der Berufsgenossenschaft vorschreibt, dass er sich bei schweren Arbeitsunfällen sofort auf den Weg zu machen hat. "Unserem Mitarbeiter ist von Schleipen und Erkens die Schwere des Unfalls nicht vermittelt worden", erklärt der Pressesprecher der Berufsgenossenschaft die Verspätung. Was die Firma bestreitet. Überdies sei mit der Firmenleitung vereinbart worden, dass sie die Unfallstelle absperrt und nichts verändert, bis der Mann von der Berufsgenossenschaft nach Jülich kommt. Auch daran habe sich die Firma nicht gehalten.

Vor dem Unfall war Imamovic Haupternährer seiner vierköpfigen Familie, jetzt weiß er nicht mehr recht, wie er sie über die Runden bringen soll. Er wird eine Unfallrente erhalten, das ist sicher. Wie hoch sie ausfällt, ist abhängig von den ärztlichen Gutachten. Bis das entschieden ist, überweist ihm die Berufsgenossenschaft jeden Monat 800 Euro. Seit einigen Wochen erhält er zusätzlich Erwerbsunfähigkeitsrente. Weil all das kaum reicht, bügelt seine Frau die Wäsche fremder Leute. "Ich will, dass endlich die Wahrheit ans Licht kommt", sagt Imamovic.
Er hat Anzeige wegen fahrlässiger gefährlicher und schwerer Körperverletzung erstattet. Seine Anwältin Christiane Müller will darüber hinaus zivilrechtlich gegen Mondi vorgehen und die Firma auf Schmerzensgeld verklagen. Kürzlich ist Imamovic erstmals von der Staatsanwältin als Zeuge vernommen worden. Er hat erzählt, was sich aus seiner Sicht an diesem Samstagmorgen zugetragen hat: "Ich habe mir Kaffee geholt, bin dann zurückgegangen an meinen Arbeitsplatz und habe getan, was mir aufgetragen wurde: Ich habe die Gummiwalze geschliffen." Ein Kollege habe die Maschine angeschaltet, er selbst habe das Schmirgelpapier in einen Schleifbock eingespannt und die sich drehende Gummiwalze abgeschmirgelt. "Das ist das Letzte, woran ich mich erinnern kann." Dann zieht ihn die laufende Maschine zwischen die Walzen.

Mondi bestreitet, dass Imamovic Walzen schleifen sollte, und begründet in einer umfangreichen Stellungnahme an die Staatsanwaltschaft, dass die Version von Imamovic nicht stimmen kann. Schleifen dürften ohnehin nur Maschinen- und Werkführer, sagt Peter Breuer, heute wie damals Produktionsleiter der Firma, und erklärt: "Zum Schleifen wird eine Handeinlaufschutzstange zwischen Walze 1 und 2 eingebaut, die Gummiwalze 2 wird angeschaltet und dann abgeschmirgelt."

Einer, der sich mit dem Schleifen auskennt, ist Marc Seeber, ehemals Maschinenführer bei Mondi. Er hat fast acht Jahre an der Maschine gearbeitet, an der Imamovic verunglückt ist, und oft selbst die Gummiwalze geschliffen. Ohne Schutzstange. Die gab es vor dem Unfall nicht, sagt Seeber. Immer wieder habe er darauf hingewiesen, wie gefährlich das sei, ohne Schutzstange schleifen zu müssen: "Mensch, wenn da nicht mal was passiert."

Eine Schutzstange, die verhindert, dass die Hände zwischen die Walzen gezogen werden, hat auch die Papiermacher-Berufsgenossenschaft nicht entdeckt, als sie den Unfallort inspizierte. Laut Arbeitsanweisung sei sie zwar zwischen Walze 1 und 2 vorgesehen. Doch "eine derartige Schutzeinrichtung war zum Zeitpunkt meiner Unfalluntersuchung nicht angebracht", schreibt der Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft im Juli 2007 an die Staatsanwaltschaft.

Wenige Wochen nach dem Unfall seien plötzlich alle Maschinen mit Schutzstangen ausgestattet worden, sagen zwei ehemalige Mondi-Mitarbeiter. Auch die Beschichtungsmaschine, an der Imamovic verunglückt sei. "Immer muss erst etwas passieren, bevor an unsere Sicherheit gedacht wird", sagt ein früherer Maschinenführer. Jetzt sei die Maschine abgesichert, jetzt dürfe nur der Meister schleifen, jetzt stehe noch ein zweiter Mann am Notschalter. Die Firma Mondi sagt etwas anderes: "Nach dem Unfall ist lediglich der von der Berufsgenossenschaft geforderte Schlüsselschalter eingebaut worden", erklärt Produktionsleiter Peter Breuer.

Unklarheiten gibt es auch bei der Arbeitsanweisung. Die Berufsgenossenschaft erhält für ihren Bericht eine Mondi-Arbeitsanweisung, in der steht, wie Schleifarbeiten auszuführen sind. Die FR fragt beim Maschinenhersteller nach und liest Auszüge daraus vor: "Einbau der Stange zwischen Walze 1 und 2. Einschalten der Walze. Bespannen des Schleifkörpers mit Schmirgelpapier. Beschleunigen der Walze. Überschleifen der Walze." Der Geschäftsführer des Maschinenherstellers, der nicht genannt werden möchte, hört zu und sagt: "Das klingt nicht nach uns, sondern nach der Anweisung für die Nachbarmaschine." Die wiederum ist von einem anderen Unternehmen hergestellt. Die Walzen unserer Beschichtungsmaschine, erklärt der Geschäftsführer, werden ausgebaut, in eine Schleifmaschine eingespannt und dort geschliffen.

Eine falsche Arbeitsanweisung in der Akte? Und: Hat Imamovic geschliffen, was Mondi bestreitet, oder doch gereinigt bei laufender Maschine? Marc Seeber hat sich gleich bereit erklärt, bei der Polizei auszusagen. Nicht weil er mit Imamovic befreundet ist. Die beiden Kollegen waren nicht immer gut aufeinander zu sprechen. Aber als Seeber die Unfallbilder gesehen hat, "musste ich schlucken". Obwohl er nach 20 Jahren als Oberbrandmeister bei der Freiwilligen Feuerwehr mehr als einen schweren Unfall gesehen hat.

Was ist an diesem Samstag tatsächlich passiert? Noch immer sammelt die Staatsanwaltschaft Informationen. Sie hat Unterlagen von Mondi sichergestellt und vernimmt weitere Zeugen. Danach entscheidet sie, ob ein Sachverständiger beauftragt wird, der den Unfall rekonstruiert. Einer wie Diplom-Ingenieur Rainer Ahlberg. Er ist Bundesfachbereichsleiter für Maschinen, Anlagen und Betriebseinrichtungen beim Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger und erstellt seit vielen Jahren Gerichtsgutachten. Er sagt: "Die meisten Arbeitsunfälle sind rekonstruierbar."

Imamovic geht kaum noch unter Menschen. Stundenlang sitzt er vor der Voliere mit den Sittichen. Still ist es da. Dort denkt er nicht daran, dass bald die Nacht kommt und mit ihr der Traum. Imamovic hat Angst vor seinen Träumen. Bei denen er in Fahrstühlen steckt, die unentwegt nach unten fahren. Oder sein eigenes Begräbnis sieht. Tage sind besser. Tagsüber glaubt er wieder an die Gerechtigkeit.