Von MICHAELA BÖHM, freie Journalistin in Frankfurt/M.

Magazin Mitbestimmung 03/2008

Diesen Text druckenDie Werkzeuge der Betriebsräte

Betriebsräte, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, müssen hartnäckig und konfliktfähig sein. Denn manchmal ist der Weg zu "Guter Arbeit" vor allem eins: schlechte Arbeit verhindern.

Von MICHAELA BÖHM, freie Journalistin in Frankfurt/M.

Langsam setzt er einen Fuß vor den anderen, bleibt stehen, keucht sich die Luft stoßweise aus der Lunge. Im Büro hebt er die Hand zum Gruß und lässt sich wortlos auf den Stuhl sinken. Betriebsrat Wolfgang Alles erkennt den Kollegen zunächst nicht wieder. So abgemagert ist der Mann mit der schwachen Stimme und der Kondition eines Greises. Er hat eine Asbeststaublunge, genannt Asbestose. Manchmal entsteht daraus Lungenkrebs.

Wolfgang Alles, Foto: Frank Walensky-Schweppe
Wolfgang Alles

Der heute 55-Jährige hat damals bei ABB als Turbinenmonteur im Kraftwerksbau gearbeitet, Rohrleitungen ummantelt, Flanschdichtungen montiert, immer mit Asbest. Asbest galt als Wunderstoff, ideal zum Brandschutz und zur Isolierung, aber ebenso lebensgefährlich. Sobald das Mineral beschnitten, zerhackt oder geschliffen wird, ziehen Mund und Nase mit der Atemluft feinste Asbestfasern in die Lunge, wo sie sich wie kleine Nadel verhaken. Die einst elastische Lunge vernarbt, bis sie so starr wird wie ein von Farben und Lacken verklebter Lappen.

Anfangs waren es Einzelfälle bei Alstom Power, Spezialist für Planung, Konstruktion und Bau von Kraftwerken, Turbinen und Generatoren. Schließlich wurden es mehr und mehr. Weil 20 bis 30 Jahre vergehen können, bis eine Asbestkrankheit ausbricht, erwartet der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften den Höhepunkt der Erkrankungswelle erst bis 2015. Mindestens einmal im Monat hört Wolfgang Alles, freigestellter Betriebsrat der Alstom Power in Mannheim und zuständig für Arbeitsschutz, von einer neuen Asbesterkrankung.

Eine offizielle Firmenstatistik gibt es nicht. Bleibt nur, was er aufschreibt. Fast 200 Kollegen sind an Asbest gestorben oder erkrankt. Die vielen Asbestfälle waren der Auslöser, um mit Hilfe der Gefährdungsanalyse im Arbeitsschutzgesetz sämtliche Arbeitsplätze zu untersuchen. "Wir wollten nicht noch einmal erleben, dass die Menschen jahrelang mit gefährlichen Stoffen hantieren und später krank werden oder daran sterben."

DIE ASBESTOSE DER GEGENWART_ Von diesen Stoffen gibt es reichlich. Zum Beispiel Kühlschmiermittel in der Großmechanik. Oder Styrol, das möglicherweise das Erbgut verändert und Krebs erzeugt. Auch Chrom und Nickel sind krebserregend, und Feinstäube verursachen Atemwegserkrankungen. Und krank macht auch etwas, was Monteure ebenso betrifft wie Ingenieure: Stress und Druck, verursacht durch Personalabbau und immer höhere Anforderungen, durch enge Terminvorgaben, Überlastung und permanente Umstrukturierungen des Unternehmens. Das, was Wissenschaftler psychische Fehlbelastung nennen. Wolfgang Alles drückt es drastisch aus: "Das ist die Asbestose der Gegenwart." Genauso vertuscht, verharmlost und doch so verbreitet.

Der Betriebsrat von Alstom Power hat das Arbeitsschutzgesetz ernst genommen. Dort steht, dass der Arbeitgeber ermitteln muss, welchen Gefährdungen die Beschäftigten ausgesetzt und welche Maßnahmen erforderlich sind. Auch die möglichen Gefährdungen nennt das Gesetz. Das können Arbeitsabläufe sein oder die Arbeitszeit, Stoffe, Maschinen oder Anlagen, eine unzureichende Qualifikation oder die Einrichtung des Arbeitsplatzes.

Vier Jahre lang hat der Betriebsrat um die Gefährdungsbeurteilung gestritten. Das Management glaubte, dass ein zweiseitiger Fragebogen ausreicht. Psychische Belastungen fehlten darin. Auch gegen das Mitbestimmungsrecht des Betriebsrates sperrte sich der Arbeitgeber. An der Einigungsstelle führte kein Weg vorbei. Viele Unternehmen hoffen in ähnlichen Fällen auf einen Spruch zu ihren Gunsten. Irrtum. Im Jahr 2000 verpflichtete eine Einigungsstelle erstmals einen Arbeitgeber, damals ABB, heute Alstom Power, unverzüglich die Gefährdungsanalyse durchzuführen und den Betriebsrat zu beteiligen.

Das war ein Durchbruch, doch der mühselige und zähe Prozess war nicht zu Ende. Denn Vorbilder gab es nicht, der Betriebsrat musste alles selbst entwickeln. Acht Jahre später. Kein Betrieb ist heute so weit wie Alstom Power. Sämtliche Arbeitsplätze sind inzwischen zwei Mal unter die Lupe genommen, alle 1850 Beschäftigten befragt worden. Manche Probleme sind gelöst. Statt der Schatten werfenden Funzeln sind an der Decke der Großmechanik ordentliche Leuchten angebracht. Die Handstrahlarbeitsplätze sind jetzt abgekapselt, Feinstäube werden abgesaugt. Manch ein unakzeptables Führungsverhalten blieb nicht ohne Konsequenzen.

Andere Probleme erweisen sich als Dauerthema, wie die Kühlschmierstoffe, die durch die Hallen wabern. Die sieht man, die riecht man, sie landen auf der Haut, dringen durch die Nase und in die Lunge. Ebenso wie die Sorgen um den Arbeitsplatz. Die Gefährdungsanalyse ist wichtig. Keine Frage. "Aber sie schafft nicht die Angst der Kollegen und Kolleginnen aus der Welt, dass bei der nächsten Auslagerung, Umstrukturierung oder Fusion ihr Arbeitsplatz auf dem Spiel steht", sagt Wolfgang Alles. Alstom Power ist einer von 20 Pilotbetrieben des Projekts "Gute Arbeit", die ganz unterschiedliche Probleme in den Unternehmen angepackt und die von der IG Metall entwickelten Instrumente ausprobiert haben.

ARBEITSZEIT-TÜV BEI DRÄXLMEIER _ Manchmal ist "Gute Arbeit" vor allem eins: schlechte Arbeit zu verhindern. Und dem permanenten Stress und Arbeitsdruck einen Riegel vorzuschieben. Gar nicht so einfach. Denn laut beschwert sich kaum einer über zu viel Arbeit. Nur hinter vorgehaltener Hand: "Ich schaff' das nicht mehr, ich dreh' noch durch!" Weil das klingt, als sei einer untauglich, fehl am Platz und schlicht überfordert, bleiben die Klagen lautlos.

Derweil laufen die Zeitkonten über, manch einer stempelt nach zehn Stunden aus, schleicht sich ins Büro zurück und arbeitet heimlich weiter. Wie bei dem Automobilzulieferer Dräxlmaier in Vilsbiburg bei Landshut. Wer so unter Druck steht und nicht mehr anders weiß, wie er sein Pensum bewältigen soll, als immer mehr Freizeit in die Arbeit zu pumpen, sucht nicht automatisch Hilfe beim Betriebsrat. Im Gegenteil: So mancher fragt, ob der Betriebsrat nicht dafür sorgen kann, dass die Zeitkonten erweitert werden können.

Kann er nicht. Will er auch nicht. Weil es das Problem von Nervenzusammenbrüchen, Tinnitus, Hörstürzen und Herz-Kreislauf-Problemen nicht löst. Monat für Monat wurden bei Dräxlmaier bis zu 13 000 Plusstunden ausbezahlt. Nicht eingerechnet die 150 Plusstunden, die ohnehin fast jeder der 2200 Vilsbiburger auf dem Zeitkonto anhäuft.

Die Dräxlmaier-Betriebsräte sind einen anderen Weg gegangen als immerfort Überstunden zu genehmigen oder gar Zeitkonten zu erweitern. Sie haben die langen Arbeitszeiten in Betriebsversammlungen angesprochen und in zwei Pilotbereichen den Arbeitszeit-TÜV der IG Metall eingesetzt. "Ein guter Anlass, damit Beschäftigte einen Moment darüber nachdenken können, ob sie auch die nächsten Jahre so weiterarbeiten möchten", erklärt Betriebsrat Michael Reithmeier. Dem Arbeitszeit-TÜV ist wenig später die standortweite Gefährdungsbeurteilung gefolgt, die ein externes Institut durchgeführt hat.

Natürlich nicht, ohne die psychischen Belastungen abzufragen. Die Arbeit beginnt jetzt erst. Denn nun gilt es, gemeinsam mit den Beschäftigten zu überlegen, wie das Problem der überlangen Arbeitszeiten und des Arbeitsdrucks zu packen ist. Ohne Beteiligung geht es nicht: "Ein Betriebsrat kann Menschen, die mit Engagement, aber auch unter hohem Druck in Projekten arbeiten, nicht einfach nach zehn Stunden heimschicken." Womöglich noch mit dem Vorwurf, sie verstießen gegen Arbeitszeitgesetz, Betriebsvereinbarung und Dienstzeitenregelungen. Ganz so weit wie bei Dräxlmaier ist der Betriebsrat des Kabelherstellers Nexans in Hannover noch nicht.

Die Gefährdungsbeurteilung - inklusive psychischer Belastungen wie Stress und Arbeitsdruck - ist zwar das Ziel. Doch zunächst wurde das Stressbarometer der IG Metall eingesetzt. Die neuralgischen Punkte lassen sich mit Hilfe eines Fragebogens ermitteln. Zunächst in der Auftragsabwicklung. Wenn die Befragung dort ausgewertet ist, soll das Stressbarometer im gesamten Betrieb angewendet werden. Betriebsrat Rolf Homeyer verspricht sich davon vor allem, dass Arbeits- und Leistungsdruck bald kein Tabu mehr ist und sich die Beschäftigten dagegen wehren, dass ihnen noch mehr Arbeit und noch mehr Aufgaben aufgebürdet werden.

DER BIORHYTHMUS UND DIE OPTISCHICHT_ Schichtarbeiter sind konservativ. Stur halten sie an ihrem Schichttrott fest. Eine Woche früh, eine Woche spät, eine Woche Nacht. Auch wenn der Körper murrt. Unflexible Zeitgenossen. Stimmt nicht. Zumindest nicht in Aerzen, einem kleinen niedersächsischen Ort nahe der Rattenfängerstadt Hameln. Nicht in der Aerzener Maschinenfabrik. Hier sind die Auftragsbücher voll, die Maschinen laufen rund um die Uhr, der Arbeitgeber will noch mehr.

Statt der 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich kriegt er nur 15 Samstage pro Jahr und pro Beschäftigtem. Trotzdem - die Überstunden häufen sich und mit ihnen die Krankmeldungen. Gar nicht zu reden von der wöchentlichen Umbesetzungsrunde, in der die Männer neu zugeteilt werden: "Kollege X ist krank, Maschine Y kaputt, also wechselst du von der Früh- in die Nachtschicht." Egal, was der Biorhythmus sagt. Oder die Familie.

Es sind die Männer in der Maschinenbearbeitung, die nicht länger so arbeiten wollen und im Internet nach alternativen Schichtmodellen suchen. Irgendeines, nur ohne die langen Nachtschichtphasen. "Je älter ich werde, desto schwerer ist es mir gefallen, nach der Nachtschicht einzuschlafen", sagt ein 45 Jahre alter Dreher. Wenn er endlich schläft, kommt die Tochter von der Schule und macht Lärm. "Nach fünf Nachtschichten", sagt ein anderer, "bin ich platt, gereizt, alles geht mir auf den Wecker. Wenn ich aufstehe, weiß ich nicht, ob es morgens ist, mittags oder abends."

Der Betriebsrat versucht, einen neuen Schichtplan per Hand zu erstellen. Das ist kompliziert. Tarifvertrag und Arbeitszeitgesetz, Produktionserfordernisse und Wünsche des Arbeitgebers nach längeren Betriebszeiten, nicht zu vergessen die Empfehlungen der Arbeitswissenschaftler - all das muss unter einen Hut gebracht werden. Auf einem IG-Metall-Seminar in Sprockhövel lernen Rüdiger Kreft und Thorsten Beckmann, die Schichtplanexperten im Betriebsrat, Optischicht kennen. Eine Software, mit der man Schichtpläne erstellen kann. Sie geben dem Programm vor, welche Kriterien ihnen wichtig sind: Die Schichten sollen vorwärts roulieren, von früh auf spät auf Nacht, mehr als drei Nachtschichten hintereinander soll es nicht mehr geben, und darauf muss ein Freizeitblock folgen, mindestens zwei Tage.

Optimal ist kein Schichtplan, und keine Schicht ist besser als eine gute. Aber mit Optischicht gibt es in der Aerzener Maschinenfabrik inzwischen einen verlässlichen Schichtplan, ausgedruckt fürs ganze Jahr. Noch mehr: Gearbeitet werden 33 Stunden, bezahlt 35. Und weil die Arbeitszeit verkürzt wurde, musste ein vierter Mann an die Maschine. Etwa ein Dutzend neue Kollegen wurden eingestellt. Viel Aufhebens macht Thorsten Beckmann nicht darum. Aber eines findet er gut: "Wo andere Betriebe Arbeitszeiten verlängern, haben wir verkürzt." Bei vollem Lohn, versteht sich. Drei Nachtschichten hintereinander, sagt der Dreher, das ist besser zu verkraften. Gute Arbeit ist manchmal Arbeit, die nicht so auf die Knochen geht wie früher.

MEHR INFORMATIONEN

IG Metall Projekt Gute Arbeit (Hrsg.): Handbuch "GUTE ARBEIT". HANDLUNGSHILFEN UND MATERIALIEN FÜR DIE BETRIEBLICHE PRAXIS. Mit CD. Hamburg, VSA-Verlag, 2007. 352 Seiten, 19,80 Euro.