FR Plus, Wirtschaft, 21. Januar 2005

Diesen Text druckenRetter der Gestürzten: Daniel Detambel berät als Outplacement-Experte Führungskräfte, die plötzlich arbeitslos werden

Von Michaela Böhm

„Wenn Ihr letzter Chef jetzt hier wäre, wie würde er Sie beschreiben?“
„Als eine Mitarbeiterin, die sehr ehrgeizig ist.“
„Zu ehrgeizig?“
„Das nicht. Aber sehr ehrgeizig. Ich möchte Dinge schnell umsetzen.“
„Zu schnell?“
„Eher wohldosiert. Heutzutage kann sich ein Unternehmen keine langsamere Gangart erlauben.“
„Sie sind allein stehend.“
„Ich bin national wie international einsatzfähig.“

Treffer, denkt der Personalchef. Im Lebenslauf steht „ledig“, aber die Dame ist nicht nur unverheiratet, sie hat auch keinen Mann. Bald ist sie 40. Und in den vergangenen zwei Jahren hat sie dreimal die Stelle gewechselt. Zuletzt hat sie nicht einmal die Probezeit überstanden. Wohl ein schwieriger Charakter. Offensichtlich hält es mit der Dame keiner aus.

„Haben Sie Hobbys?“

Pause. Er schaltet die Videokamera aus. Lächelt. Ist nicht mehr der Personalchef, der in den Bruchstellen des Lebenslaufes bohrt, im schnellen Wechsel Fragen abschießt und beiläufig nickt. Daniel Detambel, 37, ist wieder Seelentröster, Retter der Gestürzten, der Mann fürs Niemandsland, die Schokolade zum Lebertran.

Outplacement-Berater wie er kommen dann zum Zug, wenn Unternehmen Mitarbeiter loswerden wollen und ihnen einen Karrierecoach bezahlen, damit der ihnen hilft, sich neu zu „platzieren“. So wie neulich die italienische Bank, die gleich zwei Dutzend schickte. Einzel-Beratung oder in der Gruppe, beides ist möglich. Outplacer sind eine kleine Sparte unter den Unternehmensberatern, bundesweit gibt es gerade mal 20, die den strengen Kriterien des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater standhalten, Umsatz 37 Millionen Euro. Betreut wird einer so lange, bis er wieder einen neuen Job hat. Manch einer finanziert die Beratung von Detambel auch aus eigener Tasche.

Er hat die Statur eines Mannes, der häufiger gut isst als joggt und Tiramisu mag, das für ihn zum feinen Essen gehört wie früher die Zigarette. Wenn er zuhört, schaut er sein Gegenüber aufmerksam an. Seine Fingerspitzen liegen aneinander, als wollten sie einen Miniaturkirchturm formen. Das sieht aus wie ein Gebet. Der Mann war mal Theologe.

Sein Gesicht ist freundlich, auch wenn er konzentriert ist. Keine scharfen Kanten, keine Altersfalten, keine Lebensspuren, nur Backen, die noch runder werden, wenn er lacht. Er lacht oft.

Wenn da nicht diese harten Sätze wären: Kein Mensch hört Ihnen zu, wenn Sie so langatmig erzählen. Ein einziges Gerühre. Klingt wie auswendig gelernt. Sie sitzen da wie ein Kaninchen vor der Schlange. Die Arme unterm Tisch, als würde Sie der Lehrer gleich die Vokabeln abfragen, die Sie nicht gelernt haben. Doch noch jeden seiner harschen Sätze hat er mit einem Lächeln ausgebremst.

Entlassene Manager kommen zu ihm, geschasste Vertriebsleiter, Exportchefs. Die niemals für möglich gehalten hätten, dass der Pförtner sie an der Schranke zurückweist, dass ihr Zugangscode für den Betrieb gesperrt wurde, dass sie ihr Büro räumen müssen, bitte noch heute. Der Sturz ist tief. „Sie waren eben noch im 44. Stockwerk der Bank, man fühlt sich wie Gott, wenn man rausschaut, vorne eine Sekretärin und hinten eine, und auf einmal sind sie draußen.“ Sie haben ihren Job verloren, die Bodenhaftung ist manch einem allerdings schon früher abhanden gekommen. Das Vorstandsmitglied ist empört, weil es nicht mehr zum Formel-1-Rennen eingeladen wird, und nicht begreift, dass die Einladung seiner Position und nicht seiner Person gegolten hat. „Wer Jahrzehnte auf der Führungsetage verbracht hat, glaubt, die Mitarbeiter lachen über seinen Witz, weil er lustig ist. Sie lachen, weil er der Chef ist.“

Detambel zieht die vom Himmel Gestürzten unsanft in die Wirklichkeit. Wenn einer stolz erzählt, dass er so wichtig war, dass er noch nie selbst Kaffee kochen musste, zuckt Detambel mit den Achseln: Kein Unternehmen sucht Leute, deren herausragendste Eigenschaft es ist, keine Kaffeemaschine bedienen zu können.

„Ich halte nichts davon, die Leute in einer heilen Welt zu wiegen.“ Deshalb mieten er und sein Kompagnon Hans Rainer Vogel auch keine Büros für ihre Klienten, wie das andere Outplacementberater tun. Damit zumindest die Fassade heil bleibt: Manager drückt morgens nichtsahnender Frau ein Küsschen auf die Wange, verbringt den Tag im eigens gemieteten Büro samt Sekretärin und grüßt spätabends beim Heimkommen den ebenso erfolgreichen Nachbarn. Detambel ruft nicht bei potenziellen Arbeitgebern an, stellt keine Kontakte her. Selbermachen. Auch wenn’s schwer ist. „Ich kann zu Hause nicht telefonieren“, jammert einer. „In der Firma, da war ich wer, da war ich wichtig, da klappten auch die Telefonate.“ Daniel Detambel hat Verständnis, klar, zu Hause plärren die Kinder, unter dem Fenster bohren sich Presslufthämmer durch Asphalt und die Frau zieht ein Gesicht, du Versager. Verständnis, aber kein Einsehen. Der Joblose soll sich einen Anzug anziehen, ein gebügeltes Hemd, Krawatte und blank geputzte Schuhe. Das nächste Telefonat wird besser laufen.

Keine Zeit für Schonung. Die Kontakte dürfen nicht abbrechen. „Es ist traurig, dass Sie Ihren Job verloren haben. Wir wollen es jetzt allen sagen.“ Allen. Jetzt gleich. „Rufen Sie Jeden an. Flehen Sie nicht um einen neuen Job. Sagen Sie: Ab heute bin ich nicht mehr in dem Unternehmen tätig.“ Es ist nicht peinlich, arbeitslos zu sein. Findet Detambel. Es kann jedem passieren. Zwei Unternehmen fusionieren, ein Marketingchef ist zuviel, und raus bist du, das kann schnell gehen.

Auch du kannst keine Arbeitsplätze schaffen, sagte einmal ein befreundeter Betriebsrat. Er hat ihm nicht widersprochen. Er weiß selbst, dass das beste Coaching nichts nützt, wenn Jobs verschwinden. Die Führungskräfte, die er berät, haben mehr Chancen, vielleicht auch ohne seine Hilfe? „Ja, sicher, aber es würde länger dauern.“ Sie fallen tief und landen weich. Wer bei Detambel in der Wiesbadener Gründerzeitvilla sein Selbstmarketing aufpolieren lässt, hatte ein Jahreseinkommen zwischen 100.000 und 300.000 Euro. Finanzielle Sorgen drücken sie nicht. Doch nimmt man ihnen die Arbeit, hat man ihnen alles genommen, Status, Familienfriede, Freunde, Sinn. „Es ist das Schlimmste im Leben, abgesehen von Todesfällen.“

Daniel Detambel hat seinen Beruf nicht lernen können wie ein Maurer sein Handwerk. Aber er hat schon immer viel und gern geredet, als Moderator im Rundfunk, als Dozent für angehende Journalisten, als Berater in Sachen Rhetorik, Selbstmarketing und Auftritt. Wie bringe ich es rüber? „Es nützt ja nichts, wenn nur Sie selbst von sich überzeugt sind. Die anderen müssen es auch sein.“ Er kann es auch drastisch ausdrücken: Die Kräfte, die einst führten, überschätzen sich, den Markt und die Zeit, die es braucht, um wieder einen Job zu finden. Sechs bis neun Monate dauert es in der Regel. Glaubt ihm keiner. Personaler, die einst einstellten und rausschmissen, legen Bewerbungsfotos vor, die Detambel lächelnd über den Tisch zurückschiebt: „Das hätten Sie selbst doch nie durchgehen lassen.“ Führungskräfte, die reden und reden, ohne erklären zu können, womit sie sich im Job eigentlich beschäftigt haben. Die jeden Kandidaten durchrasseln ließen, der solche Worthülsensalven wie dynamisch-flexibel-motivationsstark-leistungsbereit-und-innovativ abschießt.

Die Pause ist vorüber, die Videokamera läuft, Detambel ist wieder in die Rolle des Personalchefs geschlüpft.

„Warum hat es bei der letzten Stelle nur ein halbes Jahr funktioniert?“
„In dieser Tätigkeit war es gefordert, dass ich sehr stark operativ tätig bin und äh, ich bin nicht operativ, also...ich....“

Stop, ruft er, springt vom Stuhl, macht einen Satz zum Flipchart, reißt den Arm nach oben und malt große Kringel um wichtige Worte. „Nicht operativ ist negativ. Was sind Sie?“ Detambel trippelt von einem Fuß auf den anderen, trommelt mit dem Stift auf den Flipchart, na?

„Man hat mir die Spielräume nicht eingeräumt, die ich brauche?“ Ihre Stimme versackt hinter dem Fragezeichen.

„Genau! Sie sind jemand, der gern selbstständig arbeitet“, noch ein Kringel, „sagen Sie, wer Sie sind. Füllen Sie die Begriffe mit Beispielen, erzählen Sie Geschichten. Wie Sie das letzte Konzept am Wochenende ausgetüftelt haben.“ Tun Sie nicht so, als seien Sie ein Teamplayer, wenn Sie Einzelkämpferin sind.

Später. Detambel rührt in der Espressotasse. Das Handy ist abgeschaltet, heute kommt niemand mehr. Solche Gespräche sind anstrengend. Am liebsten würde er vergrabene Berufsträume neu beleben, falsche Karrierewege korrigieren. Damit jemand glücklich ist, mit dem, was er tut. Es geht doch um den Sinn des Lebens, oder? Schon damals, als er Theologie studierte, weil es die einzige Wissenschaft war, die darauf eine Antwort zu versprechen schien. Seine größte Herausforderung als Karrierecoach? Er nimmt sich Zeit, tastet sich an die Antwort heran: Josef Ackermann. Der Chef der deutschen Bank ist so weit oben - mehr kann nicht mehr kommen. Für Ackermann eine befriedigende Aufgabe finden, das fände er reizvoll.