19/2006

Zeitlupe

Täglich grüßt die Gallenblase

Von Michaela Böhm

»So, so, die Eierstockentzündung hat sich die Haare gewaschen, das sehe ich gar nicht gern!« Die Patientin mit Handtuch auf dem tropfnassen Haar zieht schuldbewusst die Bettdecke bis zum Kinn. Erwischt! Der Stationsarzt hat sich aber schon umgedreht und fischt nach seinem piepsenden Mobiltelefon. »Ist das der Mammatumor? Dann machen Sie den schon mal fertig!«

Keine Ahnung, wer hier fertiggemacht wird. Klar ist nur: Im Krankenhaus verschwinden Identitäten hinter Diagnosen. Aus Buchhaltern und Marathonläufern, Geigenvirtuosen und dreifachen Müttern werden Gallenblasen, Blinddarmdurchbrüche, Schienbeinfrakturen und Nierensteine. In Schlafanzug und Pantoffeln sind alle gleich. Die Klinik sollte schon im Aufnahmegespräch deutlich machen: »Schließen Sie Ihren Namen zusammen mit Ihrer Zivilkleidung im Spind ein und holen Sie ihn keinesfalls vor der Entlassung heraus.«

Große Visite, viele weiße Kittel. »Hm, hm, praller Gelenkerguss, femoropatellare Krepitation, Verdacht auf reaktive Synovitis, zuerst punktieren ...« Der Rest geht in Genuschel unter. Kein Wunder, dass der Oberarzt so schwer zu verstehen ist: Er steht mit dem Rücken zum Krankenbett und redet auf seine Kollegen ein. Alle drei Patienten sitzen aufrecht im Bett, die Decke so weit zurückgeschlagen, dass jeweils ein verbundenes Knie sichtbar wird. Der »Pschyrembel«, das rund 2000-seitige klinische Wörterbuch, liegt griffbereit auf dem Schoß, aber so schnell, wie die Fachwörter rattern, kann kein Patient blättern. Kreißsaal, Kremaster, Krepitation, juhu, Synostose, Synovialis ... Wer war denn jetzt eigentlich gemeint? Dicke Knie haben hier schließlich alle. Bevor einer fragen ... ach, alle schon draußen.

Keine Zeit, keine Zeit, ist die Standardantwort von Klinikärzten. Gebeutelt von medizinischen Dokumentationen, gedeckelt von Fallpauschalen und gehetzt von immer kürzeren Liegezeiten bleibt ihnen immer weniger Zeit für den Patienten. Aber müssen sie gleich sämtliche Umgangsformen über Bord werfen? Im Alltag gelingt ihnen das doch auch. Sie fassen Gläser mit Stiel auch am Stiel an, sie schmeißen nach dem Essen die Serviette nicht auf den Boden und lupfen selbstverständlich ihren Allerwertesten, wenn der Chefarzt auf sie zukommt.

Besserung ist in Sicht: Medizinstudenten üben in Rollenspielen, sich in die Lage von Patienten zu versetzen, werden bei Aufnahmegesprächen gefilmt und hinterher in Umgangsformen trainiert, sie üben mit Schauspielern, um schließlich zu werden, wie Patienten es sich wünschen: mitfühlend, persönlich, geradeheraus, respektvoll und gründlich.

Vermutlich wird sich die Wirkung erst in der nächsten Generation entfalten. Noch sieht die Wirklichkeit anders aus; noch kann es vorkommen, dass ein Arzt die Tür aufreißt und mit der Spritze in der Hand ziellos ins Patientenzimmer ruft: »Koller?« Natürlich könnte man auf ein paar der althergebrachten Sekundärtugenden hinweisen: Erst anklopfen, mein Junge, dann sagst du deinen Namen und bringst höflich dein Anliegen vor. So wie’s dir Mama beigebracht hat. Weil Frau Koller nicht weiß, ob es sich um eine Thrombosespritze handelt, Nachschub für den Schmerzkatheter oder Blutabnahme, macht sie hilfsbereit alles frei, Bauch und Hals und Arm.

Wieder ein Fall für den Ärzte-Knigge. Dort steht unter Tipp zwei zur besseren Behandlung: »Geben Sie dem Kranken die Hand und stellen Sie sich vor.« Stattdessen tritt der Arzt wortlos ans Bett, sticht ihr stumm in den Arm und verschwindet.